SEMIK - Veröffentlichungen/wissenschaftliche Begleitung

Michael Vallendor
Ergebnisse Lau 9

Drei Notebookklassen (2 Gesamtschulklassen, 1 gymnasiale Klasse) wurden im Herbst 2000 durch den Lau-9-Test erfasst. Damit ergab sich eine – wenn auch nicht eingeplante – objektive Überprüfung der Lernausgangslage und der Lernentwicklung der drei Klassen am Anfang der Klassenstufe 9, also nach rund 1 1/2 Jahren Notebookarbeit.
Lau steht für das Projekt "Aspekte der Lernausgangslage und der Lernentwicklung". In einer Längsschnittstudie wurden erstmals 1996 alle Klassen der damaligen 5. Jahrgangsstufe (Lau 5) der allgemein bildenden Hamburger Schulen in Deutsch, Mathematik und Informationsentnahme aus Karten und Ähnlichem getestet.
Darüber hinaus wurden in Fragebögen Daten zu den Einstellungen und Lernbedingungen der Schülerinnen und Schüler erhoben. Die Erhebungen waren anonym.
Im Rhythmus von zwei Jahren wurden fortschreibend dieselben Klassen in den Jahrgangsstufen 7 (Lau 7, 1998), 9 (Lau 9, 2000) und 11 (Lau 11, 2002) getestet, zusätzlich zu den schon genannten Fächern auch in Englisch bzw. Latein und Problemlösen. Im Jahre 2002 wurde der Test unter der Bezeichnung "Ulme" auf die Eingangsklassen in den berufsbildenden Schulen ausgedehnt.
Auftraggeberin war die Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung, jetzt Behörde für Bildung und Sport. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Dr. Dr. Rainer H. Lehmann, Humboldt-Universität zu Berlin, inne. Aufgrund der von ihm ermittelten Ergebnisse wurde in Hamburg eine Reihe schulpolitischer Maßnahmen ergriffen bzw.intensiviert, z.B. die Einführung der Vergleichsarbeiten, die Einrichtung von Springerklassen, Fördermaßnahmen für die Fortbildung der Mathematiklehrkräfte in Grundschulen und für die Diagnosefähigkeit aller Lehrkräfte.
Auf Grund der Fragebogenergebnisse zur sozialen Lage der Schulen wurde der Schlüssel für die Verteilung von Ressourcen erstellt. Die Schulen haben die Ergebnisse zur Reflexion über ihre Arbeit genutzt und vielfach in ihren Schulprogrammen berücksichtigt (Näheres siehe www.hamburger-bildungsserver.de/schulentwicklung/lau).

Rückmeldung
Die Testergebnisse der Klassen wurden im Vergleich zur Vergleichstichprobe rückgemeldet, bei Gymnasien waren das alle teilnehmenden Gymnasien, bei Gesamtschulen alle teilehmenden Gesamtschulen und die eigene Gesamtschule unter Berück- sichtigung der Leistungsniveaus. Gymnasiale Klassen erhielten außerdem eine Prognose für die zu erwartende Lernleistung basierend auf den Ergebnissen früherer Lau-Tests.

Ergebnisse
Problemlösen: Zwei Klassen erreichten einen signifikanten Vorsprung vor den Vergleichsgruppen. Eine Klasse erreichte ein mittleres Ergebnis, löste aber die eigene Prognose ein.
Leseverständnis: Zwei Klassen erreichten einen signifikanten Vorsprung vor den Vergleichsgruppen. Eine Klasse erreichte ein mittleres Ergebnis, übertraf dabei aber deutlich die eigene Prognose.
Sprachverständnis: Alle drei Klassen erreichten einen signifikanten Vorsprung vor den Vergleichsgruppen. Eine Klasse übertraf dabei deutlich die eigene Prognose.
Die Ergebnisse der Gesamtschulklassen wurden bei dieser Darstellung aus beiden Kursniveaus gewichtet gemittelt. Sogar im Mittel erreichten die beiden Klassen Ergebnisse, die die Ergebnisse der Vergleichsstichproben im Kursniveau 1 deutlich übertrafen.
In den Kategorien Fehlersuche, Englisch, Mathematik, Deutsch Schreibprobe (nur Gymnasien), Textproduktion (nur Gymnasien) erzielten alle Klassen mittlere Ergebnisse. Nur eine Klasse lag in allen Kategorien über dem Schnitt.

Interpretation
Der Hamburger Notebook-Modellversuch Semik hatte die Entwicklung und Förderung von Medienkompetenz, Eigenständigkeit und überfachlichen Kompetenzen zum Projektziel. Unter diesem Aspekt sind diese Ergebnisse besonders interessant. Es scheint, dass in allen drei Klassen das Lese-und Sprachverständnis überdurchschnittlich entwickelt werden konnte. In zwei Klassen gilt das auch für Problemlösen. In den fachbezogenen Tests Englisch, Mathematik, Deutsch Fehlersuche, Schreibprobe, Textproduktion erreichten alle Klassen Durchschnittsniveau.
Alle drei Klassen hatten zu Beginn ihrer 7. Klasse ein durchschnittliches Leistungsniveau, im Fall der beiden Gesamtschulklassen mit der üblichen Drittelung in Haupt-, Realschul- und gymnasiale Prognose Ende Klasse 6. Bei der Betrachtung der Ergebnisse muss relativierend eingeschränkt werden, dass in diesem Modellversuch motivierte Schüler (persönliches Notebook) auf besonders motivierte und engagierte Lehrkräfte trafen. Dies könnte eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft und damit einen Teil des Erfolgs erklären. Unerklärt bleiben die Erfolge gerade in den überfachlichen Bereichen Lese- und Sprachverständnis bei gleichzeitigen Durchschnittsniveau in den fachbezogenen Tests.
Durchschnittsniveau in den fachbezogenen Tests: Dass alle drei Klassen in den fachbezogenen Tests eine durchschnittliche Leistung erzielen konnten, relativiert sich vor dem Hintergrund, dass gerade seit der Einführung der Notebooks im 2. Halbschuljahr Klasse 7 und im 8. Schuljahr viel Zeit in die systematische Einführung der Notebooks investiert werden musste und deshalb in vielen Fächern erhebliche Abstriche vom Lehrplan notwendig waren. Aus den Ergebnissen der Klassen lässt sich allerdings in keinem Fall erkennen, welche Fächer einen großen Beitrag zur Semik-Arbeit geleistet hatten und welche Fächer traditionell unterrichtet wurden. Damit ist zumindest die Befürchtung von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften widerlegt, dass die Schülerinnen und Schüler Nachteile in den Fächern in Kauf nehmen müssten, die einen erheblichen Beitrag in das Lernen mit Notebooks investierten.
Deutliche Erfolge in den überfachlichen Kompetenzfeldern: Die Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass gerade die Kompetenzfelder Lese-und Sprachverständnis als Teil der Medienkompetenz durch das Lernen mit persönlichen Notebooks gut zu fördern sind.
In allen drei Klassen wurde von Anfang an systematisch in die Medienarbeit eingeführt, multimediale Texte wurden recherchiert, bearbeitet, aktiv produziert und eine Präsentations- und Veröffentlichungskultur der Lernergebnisse entwickelt. Offenbar spielen „Leitfächer “, Schwerpunktsetzung und Wege eine untergeordnete Rolle, denn diese Parameter waren in allen drei Schulen sehr verschieden.
In Problemlösen wurden unterschiedliche Ergebnisse erzielt. Ein wesentlicher Unterschied in der Arbeit der Klassen lag darin, dass die beiden Klassen, die signifikante Erfolge erzielen konnten, von Anfang an systematisch in die Projektarbeit eingeführt wurden und sich die Notebookarbeit auf diese Unterrichtsform konzentrierte. Die dritte Klasse hatte diesen Weg noch nicht eingeschlagen. Es liegt daher nahe, die Erfolge in Problemlösen vor allem im Bereich der Projektarbeit zu suchen. Hier wäre eine weitere systematische Auswertung der Ergebnisse hilfreich.
Die Betrachtung der Lau-9-Ergebnisse der drei Notebookklassen deutet darauf hin, dass durch systematische Projektarbeit mit persönlichen Notebooks überfachliche Kompetenzen sehr gut zu fördern sind, speziell Lese- und Sprachverständnis.

aus: Hamburger Notebook-Modellversuch Semik. Projekte, Ergebnisse, Projekte,
Hamburg: Freie und Hansestadt Hamburg, 2003, S. 21f)